Plädoyers

Eine Stimme für die Orgel

Bevor der erste Ton der restaurierten Orgel der Lutherischen Stadtkirche erklingt muss schon die Musik spielen. Und zwar die zwischen uns Menschen. Eine Orgelrestaurierung ist eine zeitintensive und oft kräftezerrende Angelegenheit. Das weiß ich aus meiner Kindheit und Jugend, wo ich zwei Orgelneubauten, betreut von meinem Vater – aber eigentlich hat die ganze Familie „mitgebaut“- hautnah erleben konnte. Meistens wird so ein Orgelbau von den Musikern initiiert, die die Abnutzungserscheinungen des Instrumentes schneller deuten können. Es bedarf dann viel Überzeugungsarbeit, warum viel Geld in etwas investiert werden sollte, wo „doch eh´ alles funktioniert“. So war es bei uns in der Lutherischen Stadtkirche nicht! Unsere Orgel setzte schon länger unüberhörbare SOS-Zeichen in den Gottesdiensten ab, die dann 2008, in einem Laudes Organi Konzert mit Beteiligung internationaler Künstler, in einen Streik ausartete: die Orgel gab ihren Geist auf, das Konzert musste abgebrochen werden.
Im Jänner 2009 fand die erste Besichtigung einer noch erhalten gebliebenen Deutschmann-Orgel in der Nähe von Wien statt. Es folgten weitere Orgelreisen, auch ins Ausland, zu historischen Orgeln, um mit fundiertem Wissen und Einblick die Zukunft der Orgel der Lutherischen Stadtkirche stiften zu können.
Fünf Jahre und etliche Sitzungsrunden später ist es soweit: es geht los, wir packen es an!
Und die Musik: ja die spielt, unsere liebe alte Orgel hält zu uns, sie wartet ab, sie lässt uns nicht im Stich. Aber langsam hebt die Abschied-Symphonie an: die Windladen sind undicht, da aus minderwertigem Material hergestellt, ganze Register lassen sich nicht mehr stimmen, immer wieder bricht ein Teilchen hier ein Ventilchen da weg, das Pedalwerk hängt wortwörtlich an einem dünnen Faden….
…und die Musik zwischen den Menschen?
Die ist harmonievoll, und je mehr Aufgaben auf uns zukommen, umso dichter werden die Reihen, das Orchester größer. Die Kirchenmusikerin steht hier nicht alleine!

Liebes Orgelkomitee für die Rekonzeption und Restaurierung unserer ORGEL,
VIELEN HERZLICHEN DANK für die vergangene und zukünftige Unterstützung, Zeit, Energie und Gestaltungswille.

Ihre
Erzsébet Windhager-Geréd
Organistin der Lutherischen Stadtkirche Wien
(erschienen in der Zeitung der Lutherischen Stadtkirche Wien, XXIX – Nov. 2014)

Orgelerneuerung

Ein großes, ein schönes, ein langfristig in die Zukunft weisendes Projekt geht mit der Orgelerneuerung durch die Fa. Lenter in die entscheidende Phase der Realisierung. Viele Überlegungen waren wesentlich: der historisch bedeutende Bestand (Gehäuse und etliche Pfeifen) von 1808. Die Erfordernisse an ein vielseitiges Instrument für Gottesdienst und Konzert, für eine nach außen einladende evangelische Kirchenmusik an zentralem Ort heute. Die einzigartige, außergewöhnlich schöne und sensible Akustik. Ein unverwechselbarer Akzent in der Orgellandschaft Wiens und Österreichs. Ein Instrument, das qualitativ nun für sehr lange Zeit Bestand haben soll und wird. Die nun geplante Orgel wird diesen Anforderungen in faszinierender Weise gerecht. Die Klangpalette aus restauriertem und neuem Pfeifenwerk ist nicht nur ideal für spätbarocke und frühromantische Musik sondern ermöglicht eine dynamische Variabilität und Expressivität, die gerade in heutiger Zeit die Orgel attraktiv und extrem vielseitig einsetzbar macht. Mit Ihrer Unterstützung werden zum Reformationsjubiläum diese alten, wiedergewonnenen und neuen Klänge einstimmen in den Chor aller zum Lobe Gottes.

Mit herzlichen Grüßen,
Ihr Matthias Krampe
Landeskantor und Orgelsachverständiger
der Evangelischen Kirche in Österreich
(erschienen in der Zeitung der Lutherischen Stadtkirche Wien, XXIX – Nov. 2014)

Orgel auf ein Wort

Von meiner Pfarrerin nach meinen ersten Erinnerungen an die Orgel unserer Lutherischen Stadtkirche befragt, muss ich sagen, dass es mir nicht bewusst ist, wann es zum ersten Mal war, dass ich diesen Raumklang, diesen Kirchenklang, mit dem Etwas da oben in Zusammenhang brachte. Es war allerdings sicherlich nicht anlässlich meiner Taufe (denn ich wurde unüblicherweise zu Hause getauft). Aber dann bald einmal mag es gewesen sein, spätestens als ich mit meinem Vater in den Gottesdienst ging. Ich wollte nicht in den Schulgottesdienst (der war zu dieser Zeit in Gumpendorf) und ich wollte nicht in den Kindergottesdienst (ich blieb gern bei den Erwachsenen und erklärte meinem Vater, ohnehin alles zu verstehen).
Wirklich bewusst trat mir das Instrument erst entgegen, als ich in der Oberstufe des Gymnasiums in der Singgemeinde (so hieß der damalige Chor) mitsang. Diese leitete der sehr prägende Kantor und Organist Adolf Wurm. Da probten wir in seiner Wohnung und gleich daneben war die Orgelempore. Dort sangen wir im Gottesdienst und da sah ich zum ersten Mal das Instrument und fühlte ehrfürchtig seine Nähe.
Alle weiteren Begegnungen mit dieser Orgel sind in meiner Erinnerung immer auch mit der jeweiligen Person des Künstlers/der Künstlerin verbunden, die die Aufgabe der Betreuung des Instruments und natürlich vor allem der musikalischen Gestaltung der Gottesdienste und Konzerte übertragen bekommen hatte.
Auf Wurm folgten sehr unterschiedliche Künstler, unterschiedlich auch im Verständnis der Gewichtung von Wort und Musik, alle aber beseelt vom Pneuma des Instruments, am besten spürbar in seiner unmittelbaren Nähe.
Eine besondere Art der Nähe ist für mich als Musiker die einzigartige Weise des „Con-certierens“, der Dialog eines Riesen mit einem einzelnen Instrument oder der menschlichen Stimme – allverschlingend einerseits, dienend andererseits – ein beinah lebendiges Wesen! Und als solchem ist es ihm nicht zu verdenken, dass es – in die Jahre gekommen – ein Recht hat, sich in der bisherigen Form zu verabschieden um uns nach seiner Restaurierung in neuer Gestalt wieder zu erklingen.

Mit adventlichen Grüßen,
Ihr Kurator
Dr. Ernst Istler
(erschienen in der Zeitung der Lutherischen Stadtkirche Wien, XXIX – Nov. 2014)